Laufen als Therapie: Interview mit Lauftherapeut Jörg Schimitzek

Laufen als Therapie - Jörg Schimitzek mit seinen Hunden
Jörg mit seinen Hunden

Wusstest du, dass Laufen nicht nur deinem Körper, sondern auch deiner Seele gut tut? Auf genau dieser Erkenntnis basiert die Lauftherapie.

Über dieses und andere spannende Themen habe ich ein Interview mit Jörg Schimitzek geführt.

Er ist ausgebildeter Lauftherapeut und geht und läuft seit mehreren Jahren barfuß oder in Barfußschuhen. Mittlerweile legt er auf diese Weise sogar Ultradistanzen von mehr als 50 km zurück.

In seiner Laufschule Westerwald geht es allerdings völlig ohne Leistungsdruck zu, und früher war Jörg selbst sogar absolut unsportlich.

Hallo Jörg, bitte stell dich meinen Lesern kurz vor.

Lauftherapeut Jörg Schimitzek
Das ist Jörg

Hallo Julia, ich freue mich sehr über das Interesse deiner Leserinnen und Leser am Thema Laufen, Lauftherapie und dem Barfußlaufen.

Ich bin Jahrgang 1970, verheiratet, wir haben zwei fast erwachsene Söhne und leben mit unseren drei Hunden im Westerwald.

Wie bist du selbst zum Laufen gekommen, warst du schon immer sportlich?

Ich war immer unsportlich. Um genau zu sein, ich war der Anti-Läufer. Erst als mir das Leben 2007 die gesundheitliche “Rote Karte” zeigte, begann ich Bewegung in mein Leben zu integrieren. An laufen war jedoch zunächst gar nicht zu denken.

Ich wog 100 kg, mich plagten die üblichen Beschwerden verursacht durch mangelnde Bewegung, falsche Ernährung und Raubbau am eigenen Körper. Die unzähligen Packungen Zigaretten aus meiner Zeit als Kettenraucher, übermäßiger Alkoholkonsum, monotone Bewegungsabläufe und die Tatsache, dass ich mich seit meinem Eintritt ins Arbeitsleben als Sitzmensch nur noch zwischen Bürostuhl, Autositz, Sofa und Bett hin und her bewegt hatte, forderte seinen Tribut.

Muskuläre Probleme, Arthrose, starke Schmerzen im Bereich der Lendenwirbel zwangen mich dazu, erst einmal die Voraussetzungen zu schaffen um überhaupt mit dem Laufen beginnen zu können. Tägliche Spaziergänge und später Nordic Walking, damit habe ich angefangen.

Mit Minimalschuhen durch die Natur
Vom Sitzmenschen zum Läufer

Die Frage, warum ich 2007 überhaupt mit der Lauferei beginnen, also vom Saulus zum Paulus werden wollte, lässt sich allerdings nicht auf meinen damaligen miserablen körperlichen Zustand reduzieren. Wenn es danach gegangen wäre, hätte ich nie den Hintern hoch bekommen.

Meine Motivation zum Laufen folgte einem inneren Drang nach Veränderung, anders kann ich es nicht beschreiben. Neben den selbst verursachten körperlichen Defiziten litt ich sehr unter psychischer Erschöpfung.

Als kleiner Junge habe ich schweren sexuellen Missbrauch und unterschiedliche Formen von Gewalt erleben müssen. Durch die häufigen Traumatisierungen hat sich bei mir bereits im Kindesalter eine sog. komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) manifestiert. Diese ist geprägt von Depressionen, einer Angst- und Panikstörung sowie einiger weiterer unangenehmer Begleiterscheinungen.

Obwohl ich bereits psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen hatte war der seelische Druck 2007 so enorm angestiegen, dass ich nicht mehr weiter wusste. Ich hatte dann ein Schlüsselerlebnis das mein Leben – wie man sieht – grundlegend und nachhaltig veränderte. Ab da folgte ich nur noch meiner inneren Stimme und meinem Instinkt und begann langsam einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Wann und warum kam die Idee, deine Laufschule Westerwald zu gründen?

Ich hatte das große Glück, am eigenen Leib und Seele erfahren zu dürfen, wie wirkungsvoll ausdauernde Bewegung und insbesondere Laufen ist. Diese heilsame Wirkung des Laufens, hervorgerufen durch die Aktivierung unserer Selbstheilungskräfte zu erfahren, hat Auswirkungen auf alle Lebensbereiche, so auch auf die beruflichen Entscheidungen.

Ich habe viele Jahren als Umweltingenieur gearbeitet aber irgendwann bemerkt, dass meine Erfahrungen mit der Lauftherapie für andere Menschen von großem Wert sein können. Ich wusste damals nicht, dass das, was ich tat “Lauftherapie” ist und schon gar nicht, dass es einen solchen Beruf gibt.

Auf die Möglichkeit sich als Lauftherapeut ausbilden zu lassen bin ich eher zufällig gestoßen und habe sofort Nägel mit Köpfen gemacht. Die Laufschule gründete ich aber bereits 2015 noch während meiner umfangreichen Ausbildung am Deutschen Lauftherapiezentrum.

Erzähl doch mal was ein Lauftherapeut genau macht, was erwarten deine Kunden?

Leider ist der Begriff “Lauftherapeut” als Berufsbezeichnung nicht geschützt. Es kann sich also im Prinzip jeder so nennen. Kunden empfehle ich genau zu hinterfragen bei welchem der 3 bekannten Institutionen die Ausbildung absolviert wurde und welche Kompetenz sowohl therapeutisch als auch läuferisch derjenige hat. Dazu habe ich auf meiner Homepage einen Beitrag geschrieben.

Vor allem aber sollte der Lauftherapeut wissen, dass er kein Lauftrainer ist und somit auch kein Lauftraining sondern die gesundheitsorientierte Bewegungsübung Laufen anbietet und praktiziert. Das ist ein sehr großer Unterschied. Gesundheitsorientierte Laufen i.S. der Lauftherapie ist frei von jeglichem Wettbewerbsdenken und sportlichem Ehrgeiz. Ein guter Lauftherapeut fördert das System Mensch in Gänze ohne es zu überfordern.

Für bewegungsentwöhnte Menschen sind sportlich ambitionierte Trainings wie auch immer sie heißen mögen kein guter Rat. Der damit meistens einhergehende schnell einsetzende Einbruch der Motivation, die Beschwerden und Verletzungen auf Grund von Überforderung und Überlastung sind vorprogrammiert.

Bitte nicht falsch verstehen, ich habe absolut nichts gegen sportlichen Ehrgeiz und hartes Training, ganz im Gegenteil. Es liegt in der Natur des Menschen, sich mit anderen messen zu wollen und ich selbst nehme ja auch an Ultraläufen teil. Es sollte aber eben alles zum richtigen Zeitpunkt zur Anwendung kommen.

Aktionen wie “von Null auf Marathon in 6 Monaten” sind großer Käse! Die Ungeduld der eigenen Kunden zu bremsen und deren Sinn für ein solides Lauf-Fundament zu schärfen ist somit auch ein wesentlicher Aspekt meiner Arbeit als Lauftherapeut.

Das Wort Therapie verwende ich in meinem Angeboten sehr sparsam. Eigentlich beschränke ich es auf die individuelle Einzeltherapie. Viele Laufinteressierte schreckt das Wort Therapie ein wenig ab da es wohl eine Erkrankung implementiert. Fakt ist, das gesundheitsorientiertes Laufen stets auch eine therapeutische Komponente beinhaltet.

Laufen wirkt sich immer auf alle Bereiche des Systems Mensch gleichermaßen positiv und förderlich aus. Du kannst ja nicht laufen und vorher bestimmen, dass nur deine Seele oder nur dein Körper oder nur dein Geist vom Laufen positiv beeinflusst wird.

Was die Erwartungen meiner Kunden angeht, ist es für mich immer sehr interessant zu beobachten, dass die Laufanfänger tatsächlich mit dem Gedanken daran kommen, nach der Übungseinheit völlig erschöpft zu sein.

Die Erleichterung darüber, dass dies nicht der Fall ist, wir extrem langsam laufen und zahlreiche Gehpausen einlegen zeichnet sich als zufriedenes Lächeln in den Gesichtern meiner Kunden ab. Beende jeden Lauf mit einem Lächeln – ist einer meiner Grundsätze!

Bei den Einzelstunden oder Personal Coachings wie man neudeutsch sagt hängt die Erwartung stark von der Biografie desjenigen ab. Pauschal kann ich sagen, dass viele Kunden hoffen oder erwarten, dass man ihnen den Leidensdruck nimmt.

Ich arbeite überwiegend mit Menschen mit psychischen Erkrankungen bzw. Störungen, oft sind es Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch deren Situation ich bedingt durch meine eigene Geschichte sehr gut nachempfinden kann. Hier hilft es den Betroffenen bereits, mit einem Menschen zu tun zu haben, der authentisch ist und genau weiß wie es sich anfühlt Opfer zu sein. Wir sprechen also auch sehr viel.

Menschen mit Verletzungen an der Seele kämpfen ja nicht nur gegen die Symptome der psychischen Erkrankungen selbst. Es treten zusätzlich erhebliche gesellschaftliche Probleme auf. Unverständnis, Ausgrenzung, Mobbing, Verlust des Arbeitsplatzes, Konflikte innerhalb der Familie und im Freundeskreis, sozialer Abstieg, finanzielle Not uvm.

Das schlägt sich bei Betroffenen in Form von sozialer Isolation, weiteren Ängsten, Sucht, Verlust des Selbstwertgefühls und des Selbstvertrauens nieder. Sie befinden sich in einem Teufelskreislauf.

In diesen Fällen ist es mir sehr wichtig, dem Menschen mit der Bewegung laufen oder wandern ein solides “Hausmittel” zur Selbsthilfe verfügbar zu machen welches er oder sie allerorts, jederzeit und ohne negative Nebenwirkungen nutzen kann.

Meine Art zu laufen oder zu wandern und vor allem in Verbindung mit meinem Hund ist für die Menschen die zu mir kommen neu und unerwartet. Dabei nutze ich nicht nur die Bewegung und die Natur zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte, mein Hund Nanuk arbeitet dabei zusätzlich als Vermittler zwischen Mensch und Natur.

Jörg mit seinem Hund Nanuk nach einem Lauf
Ein starkes Team: Jörg und Nanuk

Durch ein besseres Verständnis für unsere natürliche Umgebung und unsere eigene biologische Herkunft lassen sich aus meiner Erfahrung heraus sehr viele Ängste abbauen und Probleme lösen.

Du gehst, wanderst und läufst nur barfuß oder in Minimalschuhen, wie bist du auf die Idee gekommen?

Die Idee zum Barfußlaufen kam mir nachdem meine andauernden Laufbeschwerden zu einer ernstzunehmenden echten Verletzung mit Totalausfall mutierten. Zu diesem Zeitpunkt lief ich aber schon einige Jahre in konventionellen Laufschuhen.

Rückblickend wüsste ich es heute zu schätzen, wenn ich damals beim Start ins Läufer Leben einen Lauftherapeuten an meiner Seite gehabt hätte der Erfahrungen mit der natürlichen Art zu laufen hat. Dem war leider nicht so. Ich habe mit dem Laufen nach der klassischen Methode learning by doing begonnen und selbsterklärend alle Fehler gemacht die man so machen kann.

Ich litt daher relativ schnell an ersten Überlastungsbeschwerden die schlussendlich in der eingangs erwähnten sehr schmerzhaften Knieverletzung mit Entzündung desselben gipfelte und mir 8 Wochen Laufpause einbrachte. 8 Wochen sind eine verdammt lange Zeit, wenn man depressiv ist und das Laufen die Ersatz-Medikation und Therapie darstellt.

Da ich zuvor bereits diverse Sportärzte, Orthopäden und Physiotherapeuten mit Einlagenversorgung, Bandagen etc. verschlissen hatte ohne das mir jemand tatsächlich hatte helfen können, kam mir erneut der Zufall zu Hilfe.

Nachdem ich wieder auftreten konnte und mit Nanuk auf einem Spaziergang unterwegs war, kam mir die Frage in den Sinn: “Warum hat er nicht die gleichen Probleme wie ich obwohl er noch nicht einmal gute und teure Laufschuhe trägt?”

Tja, das war dann auch gleich die Antwort. Er trägt keine Schuhe! Ich war immer schon fasziniert von seinem leichtfüßigen, sehr eleganten Laufstil und habe dann versucht diesen auf menschliche Verhältnisse zu übertragen. Parallel dazu habe ich natürlich viel recherchiert und ausprobiert.

Die Quintessenz meines im April 2013 gestarteten Barfußlebens vermittle ich übrigens in meinem Barfuß Workshop.

Hast du dich dabei schon mal verletzt?

Wirklich verletzt im Sinne einer Laufverletzung habe ich mich seither nicht. Das ist ja das tolle an der natürlichen Art der menschlichen Fortbewegung. Wir sind nicht nur zum Laufen sondern insbesondere zum barfuß Gehen und Laufen geboren.

Was man allerdings tolerieren muss und in einer natürlichen Umgebung erst recht, ist die Tatsache, dass es immer wieder zu kleinere Blessuren durch spitze Steine, Brombeerdornen sowie den Schalen der Bucheckern kommt. Auch das Anstoßen der Zehen an Baumstümpfen, Ästen, Wurzeln und Steinen ist echt unangenehm.

Von vielen “Fachleuten” wird behauptet, dass man nur kurze Einheiten barfuß trainieren soll oder Barfußschuhe höchstens als Trainingsgerät ansehen dürfe welches ab und an mal genutzt werden könne. Lange Strecken sollte man hingegen auf keinen Fall darin zurücklegen, heißt es.

Die Gründe dafür kann ich weder bestätigen noch sind sie plausibel. Einziges Problem ist meiner Meinung nach, dass die meisten Menschen bei der Umstellung auf das Barfußlaufen nicht die nötige Geduld und Muße mitbringen und es daher zu Problemen kommen kann.

Ich bin bereits mehrere Tausend Kilometer in Minimalschuhe gelaufen und wer weiß wie viel Kilometer darin oder mit nackten Füßen gewandert. Einige Male bin ich bereits die Marathon Distanz und an zwei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils einen Ultramarathon von 50 Kilometern in meinen Fivefingers gelaufen.

Jörg läuft – Tausende von Kilometern in Minimalschuhen

Eine Distanz ist völlig unproblematisch, bei dem Doppel-Ultra hatte ich allerdings am zweiten Abend leicht geschwollene Fußgelenke. Die Schwellung hielt einen Tag an, hat jedoch nicht geschmerzt. Man darf aber auch nicht vergessen, dass das Laufen langer Distanzen rein gar nichts mit Gesundheitssport zu tun hat.

Wer seine eigene Leistungsfähigkeit beim Laufen auf diese Art herausfordert um bsw. seine persönliche Leistungsgrenze auszuloten muss sich im Klaren darüber sein, dass Verletzungen jeglicher Art auftreten können – barfuß oder in Schuhen.

Die Entscheidung barfuß zu gehen und in Minimalschuhen zu laufen ist kein irreversibler Prozess und man muss auch keinen Religion daraus machen. Man darf durchaus vorzugsweise Minimalschuhe tragen aber auf gedämpfte Schuhe zurückgreifen wenn es Sinn macht.

Meinen letzten Ultralauf über 65 Kilometer habe ich auch in leicht gedämpften Laufschuhen absolviert obwohl ich ein echter Minimalschuh Fetischist bin. Die leichte Dämpfung war ganz einfach entspannter für die Muskulatur.

Welche Barfußschuhe magst du am liebsten?

Am liebsten gar keine, aber das ist natürlich nicht die Antwort auf deine Frage. Ich mag die Vibram FiveFingers sehr gerne, vielleicht auch weil es meine Ersten waren und mit diesen alles begann.

Zunächst muss man den Begriff Barfußschuh vielleicht auch einmal unter die Lupe nehmen, denn er ist irreführend. Meiner Ansicht nach läuft man entweder barfuß oder in Schuhen. Das was man landläufig unter Barfußschuh versteht oder meint sind Minimalschuhe.

Bei den Bezeichnungen wird auch viel Marketing Unsinn betrieben. Neulich bewarb ein Discounter in seinem Angebotsblatt einen “Barfußschuh”. Ich bin selbstverständlich gleich hingefahren um mir ein Paar für Testzwecken zu besorgen.

Auf der Verpackung stand dann gar nichts mehr von “Barfuß”, sondern nur noch “ultraleichter Sportschuh”. Fazit, es war ein ganz normaler Billigsportschuh made in …. der zudem extrem nach Kunststoff roch. Hab´ihn schnell zurück gelegt, denn ultraleicht waren die Dinger schon gar nicht.

Bei der Auswahl der geeigneten Minimalschuhe für einen Lauf etc. entscheide ich weniger nach Vorliebe als viel mehr nach Einsatz und Jahreszeit. Im Sommer laufe ich z.B. meist mit den FiveFingers. Im Frühjahr und Herbst bei Trockenheit ebenfalls die FiveFingers, bei Nässe die Luna Sandals. Im Winter bei trockener Kälte oder schönem Pulverschnee trage ich Zehensocken in meinen Lunas.

Luna Sandals im Wald
Jörgs Winterschuhe: Luna Sandals mit Zehensocken

Bei Nässe und knackiger Kälte kommen die SoleRunner zum Einsatz. Kürzlich habe ich mir die Furoshikis von Vibram zugelegt. Diese haben den unschlagbaren Vorteil, dass man sie extrem klein zusammenrollen kann. Damit habe ich endlich einen Minimalschuh den ich bei Bedarf aus dem Laufrucksack ziehen kann.

Bislang musste ich meine “sperrigen” FiveFingers immer in der Hand halten, wenn ich bei Läufen abschnittsweise barfuß gelaufen bin. Leider kann man sich nicht mit nur einem Paar Minimalschuhen begnügen, wenn man es mit dem Vorhaben, zukünftig barfuß unterwegs zu sein ernst meint.

Ich hoffe, dass ich euch damit einen kleinen Einblick habe geben können. Bei Fragen oder Interesse erreicht man mich am besten per Email unter laufschule.westerwald@gmail.com .

Fotos: © Jörg Schimitzek

 

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